DAS GROßE KREUZ

Ich traf ihn, als er wieder mal auf dem Weg in die Wüste war, um sich von gewissen Mächten zu befreien, das behauptete er jedenfalls. Da der Wein bei uns an Bedeutung verloren hatte, lud ich ihn auf ein kühles Blondes ein. Wir saßen in einer Kneipe und unterhielten uns.

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte ich ihn, weil ich mir nicht sicher war, wer er war und das bin ich auch bis heute nicht.

„Ach nenn mich doch einfach Heiland.“, antwortete er.

„Ist in Ordnung. Was treibst du so?“

„Nun ich versuche schon seit knapp zweitausend Jahren, die Menschen zur Vernunft zu bringen, aber das Einzige was bis jetzt so einigermaßen funktionierte, war die Kreuzigung, aber sehr viel hat sich dadurch auch nicht verändert.“

Ich war mir nicht so sicher, ob er nur ein Spinner war, oder ob er die Wahrheit sagte, aber bei Heiligen weiß man das ja nie so genau, ich fragte ihn deshalb:

„Also du bist der legendäre Messias, der Sohn Gottes?“

„Ja, so nennt man mich jedenfalls.“

„Was hältst du von der Menschheit?“

„Das ist eine lange Geschichte, die will ich jetzt nicht erzählen.“

„Aber ich bitte dich darum.“ Er starrte eine Weile in sein fast leeres Glas, dann sagte er:

„Na gut, weil du es bist……

(to be continued)

 


Die Bühne des Lebens

Es war ein schöner sonniger Tag, ich hatte ihn zum Großteil in meiner Wohnung verbracht, doch nun mußte ich einfach hinaus aus meinen einengenden vier Mauern. Ich hatte den Eindruck, daß die Stockwerke über mir auf meinen Schultern lasteten und ich konnte sie einfach nicht mehr halten, nicht mehr er-tragen und ein Gefühl, als wenn mich dieses unvorstellbar große Gewicht jeden Moment erdrücken könnte umfing mich.

Ich verließ also diesen schrecklichen Ort und machte mich auf den Weg ins Grüne. Er führte mich durch einen nahegelegenen Park und ich betrachtete die Bäume und Sträucher so, wie wenn ich sie das letzte Mal sehen würde.

Es war wie der Abschied von seiner großen Liebe, man betrachtet sie viel genauer als je zuvor und es fallen einem Details auf, die man niemals vorher bemerkt hat. Ich nahm den Geruch des Grases und der blühenden Kastanienbäume ganz anders, viel intensiver wahr und ich dachte mir, daß man das öfter tun sollte. Es ist ganz gut, die Welt so zu betrachten, wie jemand, der bald Abschied von ihr nehmen muß. Eine leise Ahnung des Todes kroch in meine Seele und ich begriff, wie schmerzlich es sein muß zu sterben.

Es muß wohl unerträglich qualvoll sein, wenn einem im Augenblick des letzten Atemzuges bewußt wird, daß man dies alles niewieder sehen, riechen, niemals mehr er-leben können wird.

Ich hatte das Bedürfnis mich den Eindrücken dieses Augenblickes hinzugeben und die Welt um mich mit allen meinen Sinnen in mich aufzunehmen, weil ja keiner sagen konnte, wie lange und wie oft ich dazu noch Gelegenheit haben würde.

Vielleicht empfanden viele Menschen so, schließlich tummelten sich etliche auf diesem erholsamen Fleckchen Erde und der Lärm der spielenden Kinder ließ diese wenigen Quadratmeter Natur noch lebendiger auf mich wirken.

Ich setzte mich auf eine Bank und befand mich plötzlich in einem riesigen Theater, in dem sich unzählige Szenen parallel abspielten und ich war der einzige Zuschauer.

Da kam ein alter Mann auf mich zu und holte auch mich auf die Bühne und aus mir, dem Zuschauer, wurde ein Schauspieler auf der Bühne des Lebens. ……

 

(to be continued)